applied heresy I poetologies I marginalia

Nos cabanes

– Marielle Macé, Nos cabanes, Éditions Verdier, 2019

 

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Kleines, leuchtend safrangelbes oder helloranges Buch, 158 x 100 x 10 Millimeter, hundertvierzig Seiten, drei Essays. – Geschrieben wurden sie von der französischen Literaturwissenschafterin Marielle Macé, die ihre poetologische Forschung seit jeher in Tuchfühlung mit gesellschaftlichen Veränderungsprozessen betrieben hat. Auf ihrer Publikationsliste stehen u. a. zwei zeitdiagnostische Standardwerke.

In Façons de lire, manières d’être (2011) – Lesarten, Seinsweisen – geht es um Techniken des Lesbarmachens der Welt. Styles. Critique de nos formes de vie (2016) untersucht die Bedingungen gegenwärtiger Lebensformen und die aus ihnen generierten Erwartungen, Erneuerungen, Werturteile. „Ein gelebtes Leben ist nicht von seinen Formen, Modalitäten, Ordnungen, Gesten, Rhythmen etc. zu trennen, das sind bereits Ideen…“

Diesem strahlenden, im März 2019 erschienen Buch konnten wir uns nicht entziehen. Sein bloßes Vorhandensein erzeugte Zuversicht. Zudem war es auf der Basis eines fundiertes Wissens über die Physik des Buches entstanden – eine ambulante Variation, kein Tischgerät. Wenn es im Innenraum einer U-Bahngarnitur aus einer Jackentasche gezogen wurde, hellte sich das räumliche Umfeld merklich auf.

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Drei Essays – Der erste, Les Noues bereitet in sprachspielerischer Form das Wir vor, das in diesem Buch gesucht oder beschworen wird und das sich als lichter Faden durch die drei Texte zieht. Les Noues – das sind kleine fruchtbare Einbuchtungen, vertiefte Lagen in der Landschaft, dicht bewachsen mit feuchten Gräsern, ideal für weidende Tiere.

Zu finden sind diese backwaters im Nordwesten Frankreichs, an der Mündung der Loire: Bocagen-Landschaft in Richtung Nantes, Niedrigwasser, Sümpfe, Begrenzungslinien, Moorgebiete – die sich mittlerweile im Zustand des Kampfes befanden.

Im Singular bedeutet noue (f) die Kehle und auch die Hohlkehle aus dem Vokabular der Architektur: konkave Ausrundung einer Kante, wie sie bei Dachkonstruktionen oder als stabilisierende, abdichtende Verbindung zwischen Boden und Wand eingesetzt wird. In diese Richtung deutet auch das Zeitwort nouer: aneinander binden, verschließen; bien nouer ses lancets, sich die Schuhe fest schnüren… – Was für ein Wortfeld für einen so entschlossenen Aufbruch.

Dazu der Gleichklang mit nous : wir. – Marielle Macé zitiert Emanuelle Pagano, Nuons-nous ! heißt deren 2013 bei P.O.L. erschienenes Buch: Werden wir wir, wiren wir uns, verwiren wir uns zu kleinen Gemeinschaften, die in der Lage sind, durch den unvermeidliche Weltekel hindurch den Lichtschein einer Affirmation zu erkennen.

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So sind wir mit Marielle Macé unversehens nach Notre-Dame-des-Landes gelangt, zirka fünfzig Kilometer nördlich von Nantes, in die ZAD, die zone à défendre, wo junge Leute ein Stück Land zurückzuerobern versuchten, indem sie das – mittlerweile annulierte – ebenso gigantische wie unzeitgemäße Flughafenprojekt Grand Ouest verhinderten.

Hier aber soll es vor allem um den zweiten Essay gehen, um Nos cabanes, Unsere Hütten. Um die kollektive Geste des Hüttenbauens und den Versuch, neue Lebensformen in einer zerstörten Welt zu entwerfen. Darum, „einen Ort zu finden, auf dessen neu gewidmetem Grund und neu gedachter Erde man möglicherweise leben könnte – in wechselseitiger Aufmerksamkeit, Zuneigung, Pietät.“

Faire des cabanes, schreibt Marielle Macé, „nicht um sich von der Welt abzuwenden, nicht um sich abzuschotten, abzulenken oder der Welt den Rücken zu kehren. Ja, man könnte sich auch darauf beschränken, sich an vorgefertigte Orte und vorgegebene Zeitraster anzupassen, jetzt aber geht es darum, veränderte Bedingungen zu schaffen, die es ermöglichen, den Dingen des Lebens auf neue Weise zu begegnen.“

Hütte, Urhütte – Unschuld und Bescheidenheit einer ersten Architektur. Bereits Vitruv hat darüber geschrieben, später Architekten wie Filarete, Eugène Viollet-Le-Duc, Gottfried Semper oder Marc-Antoine Laugier, die die Anfänge der Architektur im archaischen Zweckbau orteten: Die Hütte als Schutz vor widrigen äußeren Umständen.

(Filarete zufolge hatte bereits der in der biblischen Schöpfungserzählung erwähnte Adam diese Erfahrung gemacht, unmittelbar nach seiner Vertreibung aus dem Paradies. Sein erster Schutz waren die über dem Kopf zusammengefalteten Hände, der zweite bestand bereits in einer Konstruktion aus vier improvisierten Säulen und einem Gewebe aus Ästen und Blattwerk als Dach.)

„Das Wort ‚Hütte‘ bezeichnet, was in allen nur denkbaren Gegenden gebaut wird, um das Leben wiederherzustellen und der Prekarität zu trotzen.“

Zur Hütte fallen uns Henri-David Thoreaus Walden ein, oder auch Georg Büchners Friede den Hütten… – dabei kann in keinem Moment kann ausgeblendet werden, dass die Hütte zum Schlimmsten der heutigen Welt gehört und dass Hütten meist dort gebaut werden, wo die Lage am hoffnungslosesten ist. Und trotzdem, gerade deshalb –

Hütten bauen – „…an den Rändern der Städte, auf den Zeltplätzen und Brachen, aber auch in den Stadtkernen, auf den Straßen und Plätzen, inmitten der Freuden und Ängste.“ Hüttenbauen ist für Marielle Macé nicht nur eine Metapher, sondern eine Geste, eine Gesprächsform, die sich auf einen Erfahrungs- und Wissensaustausch stützt. der gegenwärtigen ökonomisch-technologischen Bedingungen oder Mythen widerspricht.

„Ich schreibe nach dem Diktat der Jüngeren – nach dem Diktat ihrer materiellen Lebensbedingungen, aber auch aus Dankbarkeit und Bewunderung für das, was sie zu tun versuchen. Man muss diese Kraft sehen, Kraft der Unruhe, aber eben Kraft, mit welcher einige Kollektive den in Frankreich für die Jugendlichen übrig gebliebenen Verhältnissen die Stirn bieten; handwerkliche, künstlerische, politische Kooperationen, die daran arbeiten, sich anhand ihrer Praktiken neue Formen eines künftigen Lebens vorzustellen: andere Schreibweisen, Erfindungen von Orten, Arbeitsformen…“

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Marielle Macés Pfad führt uns besuchsweise zu Saskia Sassen, Mathieu Riboulet, Anne Tsing, der Anthropologin und Autorin des Buches The Mushroom at the End of the World: On the possibility of life in capitalist ruins (2015) oder zu den Aktivistinnen des Kollektivs Catastrophe: „Wir sind noch keine zwanzig Jahre alt. Wir kamen zu spät. Was also tun…?“

Im letzten Abschnitt gelangt der Essay an sein Epizentrum. Von dort aus verteilen sich  die zentrifugalen Wellen über die Buchseiten und das gesamte Buch-Objekt: Hier kommen die Dichterinnen und Dichter zur Sprache.

In welcher Form haben sie der Hütte oder dem Zelt das Wort erteilt? Einprägsame Gestalten tummeln sich hier, Fred Griot (cabane d’hiver), Paul CelanKomm, wälz mit mir den Türstein / vors Unbezwungene Zelt –, nicht zuletzt Jean-Marie Gleize mit seinem Buch der Hütten – Le Livre des cabanes (2015).

Jeder in diesem Abschnitt erwähnte Name bildet auf je eigene Weise den Schienenstrang in zugleich offene und – durch Hütten – notdürftig gesicherte Gegenden. An dieser Stelle beginnen ungeplante Reisen, die allerdings in anderen Gruppierungen anzutreten sind, Marielle Macé hat ihre Leser nur auf den Bahnsteig begleitet.

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Marielle Macé wirkt einen poetologischen Faden in den zivilgesellschaftlichen Diskurs. Durch ihn wird die widerständige Geste zugleich unterkellert und bestirnt. Hier wird deutlich, wie sehr der Essay daran arbeitet, eine adäquate Sprache für prekäre Lebensbedingungen und den Versuch ihrer kollektiven Überwindung zu finden.

Die eingesetzte Sprache selbst ist eine provisorisch in die Landschaft gestellte Hütte – ohne Anspruch auf Beständigkeit. Hütten können zwangsweise geräumt, aus freien Stücken verlassen, weitergegeben oder an anderen Orten neu errichtet werden. Wie auch immer, es geht darum, bei Sprache zu sein, wenn es ernst wird. So gesehen haben wir es bei Marielle Macé mit angewandter Poetologie zu tun – applied poetologies. [BK]

 

Marielle Macé, Nos Cabanes, Éditions Verdier, 2019.

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Voir aussi : Morgane Kieffer, Des grottes, des cabanes : l’enthousiasme et la gêne (Lionel Ruffel, Marielle Macé) – DIACRITIK, 12 juin 2019.

Serge Martin, Tout contre le(s) style(s) (une lecture des ouvrages de Marielle Macé), 2017

Styles, manières, façons… : les pièges récurrents de l’esthétique et de l’herméneutique (à propos des ouvrages de Marielle Macé)

Pourquoi et comment penser le continu des formes de vie et des formes de langage

 

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