applied heresy I poetologies I marginalia

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ZWISCHEN DEN SPRACHEN UND SPRACHRÄUMEN

pour un échange poétologique conspiratoire entre les langues

 

Im deutschsprachigen Raum berichten, welche Erscheinungen und Neuerscheinungen aus dem französischsprachigen herüberleuchten, und umgekehrt, welche Ereignisse und Sprachereignisse in Deutschland, Österreich, der Schweiz bemerkenswert erscheinen…

 

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November 2019 – Angesichts verschärfter gesellschaftlicher Druckverhältnisse musste die Edition ihre Ansprüche drosseln und zuspitzen. Die 2010er-Dekade kam an ihr Ende und es schien so, als hätte sie eine umfassende neue Rechtsprechung mit sich gebracht. Die war freilich umstritten und glücklicherweise nicht gänzlich ausjudiziert.

Da hieß es genau sein, Augen und Ohren offen halten. Die poetisch-häretische Restkraft musste exakter adressiert, punktgenau eingesetzt werden. Noch gab es diese Inseln des aufwühlenden experimentellen Sprachgebrauchs. Von so vielen Inselgruppen wäre zu berichten gewesen – anhand von vorsichtigen Annäherungen, detaillierten Beschreibungen, Protokollen des Mögens. Die Zeit wurde knapp.

Die Edition konnte nur noch beispielhaft berichten: von Henri Meschonnic und seinen Überlegungen zu Sprache und Geschichte; von Antoine Emaz, dem Unausweichlichen, der am 19. März dieses Jahres in Angers verstorben ist; von der bulgarischen Dichterin Aksinia Mihaylova – die Begegnung mit ihr verdanke ich wie so vieles schabrières; von Gabrielle Segal, ihren Cahiers und dem 2017 bei Maurice Nadeau erschienenen Roman Brooklyn Strasse;

von Yan Kouton und Les Cosaques des Frontières ˜ refuge pour les dépaysés; von Diacritik; von Lucie Taïeb und ihrem jüngsten Buch Les Échappées; von Cristina de Simone, die ihre denkwürdige Reise durch die Pariser Poésie en action (1946-1969) – Proféractions ! – in der Bibliothèque Ascoli (nuit remue 13) auf einen machtvollen Jetzt-Moment zulaufen ließ;

von Poezibao und Le Flotoir – (das „wichtigste Buch“ der letzen Jahre war gar keines, es war Florence Trocmés vierzehntägig ausgesandte poetologische Prosa);

und notwendigerweise immer wieder von Ossip Mandelstam, Pierre Reverdy, Ingeborg Bachmann – es gibt in ihren Werken, ähnlich wie bei Franz Kafka, eine Dimension, die, wie es scheint, speziell für die Bewusstseinslagen der 2020er Jahre angelegt wurde…

Beispielhafte Orte, Inseln, wo sich wahrhaftig-widerspenstige dichterische Sprache bei ihrem Hervorquellen zeigt; das sind nicht nur Zonen der Kontemplation und Affirmation, es sind Waffenschmieden.

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[Sommer 2019]

 

Es begann mit einer Frage. Comment entrer dans la poético-sphère de notre temps ? Gaston Bachelard hatte sie vor sechzig Jahren in La Poétique de la rêverie (1960) gestellt: Wie in die Poetikosphäre unserer Zeit eintreten?

Wenn die Poetikosphäre auch in der aufgewühlten Gegenwart existiert, verteilt sich die Frage neu: Wie lässt sich ihre Beschaffenheit unter digitalen Bedingungen beschreiben? Welche konkreten Möglichkeiten bieten sich, in sie einzutreten? Was fördert sie zutage, welche Begegnungen, Interferenzen, Konflikte – welche Art Sprache?

Solche Fragen lassen sich nicht auf einen Satz klären. Sie erfordern Zeit und besondere Formen der Aufmerksamkeit. Vorläufig lässt sich die Poetikosphäre nur anhand von Indizien und vereinzelten Wegmarken nachzeichnen

 

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APPLIED HERESY – POETOLOGIES – MARGINALIA

Angewandte Häresie: In die Labyrinthe der kulturellen Gedächtnisse hinuntersteigen; das unter Tag gewonnene Material dem grellen Tageslicht aussetzen; abwarten und sehen, was damit passiert. Möglicherweise lassen sich daraus Nährstoffe für eine poetisch-häretische Vernunft der Gegenwart destillieren.

Die Poetologien umkreisen eine Grund legende Transformation, in deren Verlauf sich Formen der Sprache in Formen des Lebens wandeln, und umgekehrt, Formen des Lebens in Formen der Sprache. Hier folgt die Edition hérésie ein Stück weit dem französischen Dichter, Linguisten und Übersetzer Henri Meschonnic (1937-2009), dessen poetisches, kritisches und übersetzerisches Werk eine für unsere Epoche unverzichtbare Substanz freisetzt.

Marginalia: Das sind verstreute Notizen, Fragmente, ad hoc-Bemerkungen, Zettelwerk, mehr oder minder zufällig gemachte Beobachtungen und Mutmaßungen zum Verhältnis von Sprache (langage), Geschichte und Politik. Was zwischen den Sprachen hörbar wird, könnte für die prekäre Alltagserfahrung der 2020er Jahre von großem Nutzen sein.

 

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Jeder Beitrag stellt eine Öffnung, einen möglichen Ausweg dar. Einige bleiben an der Oberfläche haften, andere sind Katabasen, schrauben sich in die Untergeschosse des kollektiven Gedächtnisses; manche verlassen sich auf routinierten Sprachgebrauch, während andere gerade ihn zu überwältigen und endlich zu überwinden versuchen.

Kein Beitrag gilt je als fertig. Alles kann in jedem Moment modifiziert, neu fundiert oder verworfen werden. Die hérésie-Seiten behaupten keinen glückhaften Fund, sie bezeichnen nur die fortgesetzte Suche nach einer adäquaten Form – nach dem Gedicht.

Diese Seiten sind der Rahmen, aus dem heraus sich womöglich – zu mehrt und in mehreren Sprachen – etwas Brauchbares sagen lässt. Wohin das Vehikel steuert, kann erst aus dem Rückblick bestimmt werden.

Von Zeit zu Zeit gibt es Calls for Papers im Hinblick auf mehrsprachige Publikationen.

 

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Suche nach dem Gedicht? – Gedicht meint hier nichts Luxuriöses, nichts, das sich in saturierten Geselligkeiten als atmosphärischer Aufputz herbeizitieren ließe. Es ist ein Moment sprachlicher Lebendigkeit, der Augenblick unerwarteter Transformationen.

Eher handelt es sich um eine unabdingbare Notwendigkeit, einen unwillkürlichen Akt der Selbstverteidigung. Der primäre Modus des Gedichts ist die Affirmation; plötzliche Hellsichtigkeit, Überwindung eines Exils…

 

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Derzeit auf diesen Seiten: Lernen, nicht mehr zu wissen, was wir tun, die Übersetzung des Essays von Henri Meschonnic aus dem Jahr 2008; eine deutsche Version seines Essays zu bzw. mit Ingeborg Bachmann ist in Vorbereitung. Sie leiten den für Herbst 2019 geplanten Schwerpunkt zu Henri Meschonnic ein; dazu ist eine Auseinandersetzung mit Meschonnics Arbeit zu Spinozas Ethik geplant: Spinoza. Poème de la pensée (2002).

Ein Beitrag widmet sich der französischen Philosophin und Nietzsche-Spezialistin Barbara Stiegler und ihrer im März 2019 erschienenen Genealogie eines wirkungsmächtigen politischen Imperativs: ‚Man muss sich anpassen‘ – Il faut s’adapter…

Ein weiterer Beitrag rekonstruiert die Leseerfahrung von Marielle Macés Essay Nos Cabanes. Das kleine gassentaugliche Buch aus der Reihe La petite jaune der Éditions Verdier wirkt einen poetologischen Faden ins Gewebe aktueller politischer Diskurse.

Besondere Aufmerksamkeit kommt der Neuübersetzung von Franz Kafkas Tagebüchern durch Laurent Margantin zu, die sukzessive auf Œuvres ouvertes erscheinen und auch in Druckform zu haben sind. Kafkas Aktualität verblüfft.

Zwischen die umfangreicheren Beiträge mischen sich kleine, heterogene Einsprengsel. Wie vielstimmig oder vielsprachig sie künftig sein werden, wird sich zeigen. Das alles ist ein Anfang. – Dans nos recommencements heißt übrigens einer der schönsten, für uns initialen Gedichtbände von Henri Meschonnic…

 

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Die Edition hérésie wurde 2017 in Wien gegründet. Nach einer mehrere Jahre dauernden klandestinen Phase setzte sie sich im Sommer 2019 der Öffentlichkeit aus.

 

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redaktion[at]editionheresie.net

 

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Katabase_1

Wiener Katabase, Emil-Maurer-Platz, 2018

 

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*) Self Defence; critique – esthétique ist der Titel einer 1919 erschienenen Sammlung von Aphorismen Pierre Reverdys. Das Internet-Archiv der University of California hat sie online verfügbar gemacht.

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