applied heresy I poetologies I marginalia

Henri Meschonnic

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Lernen, nicht mehr zu wissen, was man tut

 

Es ist das Unbekannte, das uns führt, uns dominiert. Es macht das Denken leidenschaftlich, denn nur durch unser Unbekanntes machen wir uns ans Erforschen von uns selbst. Dieses Unbekannte in uns und in unserem Denken gehört derselben Suche an wie das Unbekannte des Subjekts, das Unbekannte des Gedichts, das Unbekannte der Kunst, das Unbekannte der Sprache, das Unbekannte der Ethik, das Unbekannte der Politik. [1]

Das Unbekannte der Gesellschaft. Es ist kein Zufall, dass es in einem Gedicht und durch einen Dichter geschieht, wenn Mandelstam 1920 in Der Staat und der Rhythmus, das ich unentwegt, aber nicht oft genug zitiere, voraussagt, dass wir, wenn wir nicht an das Individuum denken – spezifisch nominalistische Angelegenheit, ich würde sie sogar poetisch-nominalistisch nennen –, einen Kollektivismus ohne Kollektiv haben werden. Darin liegt auch die politische Bedeutung bei Majakowski, wenn er aus einer und gegen eine Ideologie, die in der Liebe nur eine bourgeoise Degenerationserscheinung sieht, ein Liebesgedicht schreibt.

Das Unbekannte des Gedichts ist zuallererst, was ein Gedicht zu einem ethischen Akt werden lässt; in dem Sinn, dass sein Einsatz das Subjekt ist, die Zukunft des Subjekts, die Transformation des Subjekts von einem philosophisch-psychologischen Subjekt in das Subjekt des Gedichts. Nur wenn ein Gedicht ein ethischer Akt ist, ist es auch ein poetischer und damit zugleich politischer Akt; in dem Sinn, dass es daran arbeitet, alle Subjekte zu transformieren und zu bewirken, dass sie Subjekte werden. [2]

Jede wertvolle und unendliche Anreicherung von Wissen ist nur der Versuch des Erkennens dessen, was das Wissen nicht weiß; dessen, wovon es nicht weiß, dass es nicht weiß; dessen, wodurch es uns hindert zu wissen, was es auslöscht, weil es eben selbst nicht weiß, was es auslöscht. Das sieht man an den Experten jeder Epoche.

Darum ist Theorie die Suche nach dem, von dem das Wissen nicht weiß, dass es nicht weiß; Theorie ist Erkundung des Unbekannten. Darin liegt die tiefe Verbundenheit zwischen dem Gedicht, der bildenden Kunst und der Suche nach dem Subjekt, das wir im Begriff sind zu werden.

Paradoxerweise können wir die Probleme der Sprache besser verstehen, wenn wir von den Problemen des Gedichts ausgehen. Das akademische Denken verortet sich im Zeichen, das es für die Wahrheit und die Natur der Sprache hält; es verharrt in der Serialität des Diskontinuierlichen; es setzt die poetische Sprache der gewöhnlichen entgegen wie den Affekt dem Konzept, die Sprache dem Leben oder das generisch Abstrakte der Worte dem Biologischen; somit kann sie das Körper-Sprache-Kontinuum, das rhythmische Kontinuum, das Kontinuum von Form und Subjekt nicht denken. Das Zeichen-Denken als Denken der Diskontinuität ist das Denken des philosophischen Subjekts, das, sofern es bewusst und willentlich geschieht, weiß, was es tut und Intentionen hat. Dabei weiß es nicht, dass es, indem es weiß, was es tut, nur tut, was es schon weiß.

Also kann das philosophische Subjekt kein Gedicht machen, weil ein Gedicht erst dann beginnt, wenn man nicht mehr weiß, was man tut. Weil das Gedicht – und auch das sage und wiederhole ich unentwegt, weil man es eben muss – die Transformation einer Form von Sprache durch eine Form des Lebens ist und umgekehrt, Transformation einer Form des Lebens durch eine Form von Sprache; diese beiden können nicht getrennt werden. Ihre Intentionen haben nichts damit zu tun. Auch das gilt es zu bedenken, denn das Wir der Kultur denkt noch nicht. Ich sage noch, weil ich an die soziale Wirkung des Gedichts glaube. An den Gedicht-David gegen den Goliath des Zeichens. [3]

Dort wo Leben ist, wo das ist, was ich Leben nenne und was Spinoza menschliches Leben genannt hat, definiert es sich nicht über den Blutkreislauf oder die Gemeinsamkeit mit allen Lebewesen, sondern durch wahrhaftige Stärke und das Leben des Geistes. Durch das, was Sprache aus uns macht – was unser Leben aus der Sprache macht.

Es ist das Gedicht, das uns macht, nicht wir sind es, die das Gedicht machen. Verwechseln Sie bloß nicht das Gedicht mit dem Zelebrieren von Poesie, das nur Poetisierungen hervorbringt. Es macht aus Fernand Gregh nach und nach Hugo, aus Sully Prudhomme den ersten Nobelpreisträger für Literatur. Schaut euch um nach den Fernand Greghs von heute. [4]

Indem wir versuchen, nicht zu den Schwachköpfen der Gegenwart zu gehören (die sich fast ausschließlich aus Eliten rekrutieren), machen wir uns gegenüber jenen Zeitgenossen unmöglich, die nicht auf derselben Seite der Sprache, nicht auf derselben Seite des Subjekts und der Denkeinsätze stehen wie jene anderen, die die Suche nach dem Gedicht leben. Kultur bringt nur Poetisierungen hervor.

Das Unbekannte des Gedichts schafft eine Situation, in der der Sinn der Sprache den Sinn der Geschichte berührt, eine Situation, in der der Sinn der Sprache und der Sinn der Geschichte dazu tendieren, ein und derselbe Sinn zu sein. [5]

Das Unbekannte ist zugleich die Angst und das Glück. Es ist, was das Gedicht, wie ich es definiert habe, zu einem Abenteuer macht. Nur das Abenteuer stößt uns an dieses abwegig oder absurd erscheinende Paradox, das den Sinn des Gedichts darin erkennt, zu lernen, nicht mehr zu wissen, was man tut; es versetzt uns an den Ort, wo die Arbeit des Gedichts eine Parabel des Lebens, eines menschlichen Lebens ist. [6]

Wenn man zu viele Dinge weiß, weiß man nichts mehr. Was mich so viel Zeit zu verstehen gekostet hat, ist nichts Neues. Schon Matisse hat irgendwo gesagt, dass der Maler in dem Moment, wenn er den Pinsel in die Hand nimmt, auf einen Schlag alles wissen und alles vergessen muss. Allerdings ist es nicht ganz dasselbe, ob wir Platz schaffen für das, was wir nicht wissen, ob wir etwas tun, von dem wir nicht wissen, dass wir es wissen, oder ob wir nicht mehr wissen, was wir wissen.

Darum ist Vergessen ebenso wichtig ist wie das Gedächtnis, aber eben auf andere Art.

Das Paradoxe an dieser vermeintlichen Absurdität ist, dass ich dadurch alles besser zusammenhalte – mit starker Hand, wie es in der Bibel heißt –, all das, was ich verstehe und sage und immer wieder sage. Durch das Gedicht halte ich Stand, hält alles in mir Stand. Es ist das, was ich weiß. Was der Zustand des Gedichts ist, weiß ich schon nicht mehr; ein Zustand des Wartens, eine Unruhe. [7]

Im Gegensatz dazu, was mir häufig gesagt wird, ist es nicht überraschend, dass es auf der einen Seite Gedichte in denkbar einfacher Sprache gibt und auf der anderen Reflexion, die sich um das Wissen sorgt. Was diese beiden Aktivitäten, die einander so fern zu liegen scheinen, miteinander vereint, wiedervereint, ist das Unbekannte des Lebens, das an irgendeiner Stelle das Unbekannte des Wissens berühren muss.

Der Ort dieser beiden determiniert, was ich Kritik nenne, die Suche nach Funktionen und Historizitäten. Die Beziehung zwischen Theorien und Kritik. Daher auch der radikale Unterschied, den ich zwischen Kritik und Polemik mache und der gemacht werden muss: Polemik verstehe ich als eine Suche mit allen Mitteln nach der Macht über die Meinung. Das funktioniert eher durch Schweigen über den Gegner als durch Diskussion, Debatte. Und es führt zu dem sonderbare Irrtum (Komik des Denkens), der mich in den Augen mancher als Polemiker erscheinen lässt. [8]

Kritik, wie ich sie praktiziere, sehe ich als das, was Sokrates Philologos genannt hat – denjenigen, der die Diskussion liebt. Freilich wird das jenen nicht gefallen, gegen die sie gerichtet ist. Aber man lebt nicht, um zu gefallen oder um zu missfallen, man lebt, um das zu tun, was man zu tun hat, jetzt, und was kein anderer an unserer Stelle machen könnte.

Das war schön, was André Breton gesagt hat: „Nach Ihnen, geliebte Sprache.“ In dem Sinn, dass die Sprache mehr über uns weiß als wir selber wissen. Sie geht uns voran. Das bringt einige unangenehme Begleiterscheinungen mit sich. Das Zeitgenössische ist nur ein schlechter Moment, der zu durchlaufen ist. [9]

Aber, und das ist die Gnade des Gedichts, in dem, was es mit uns macht, gibt es das Glück des Teilens. Es ist das freundschaftliche Teilen mit jenen, von denen ich gesagt habe, dass sie auf derselben Seite der Sprache stehen und unsere Anliegen teilen. Dieses Glück transformiert Zeit und Raum. Was für ein Glück, dass es im Leben die Gedichte gibt – und die Freunde.

***

 

Henri Meschonnic, Le sacré, le divin, le religieux, suivi d’un entretien avec Anne Mounic, Éditions Arfuyen, 2016; aus dem Französischen übersetzt von Bernhard Kellner.

 

***

Anmerkungen

[1] Es gibt eine markante thematisch-rhythmische Annäherung dieses Essays von Henri Meschonnic an die ersten Zeilen der Vorrede von Friedrich Nietzsches Streitschrift Zur Genealogie der Moral: „Wir sind uns unbekannt, wir Erkennenden, wir selbst uns selbst: das hat seinen Grund. Wir haben nie nach uns gesucht – wie sollte es geschehen, dass wir eines Tages uns fänden…“ – vgl. Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, in: Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Friedrich Nietzsche – Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, KSA 5; Berlin-New York: Walter de Gruyter, 1967-77/1988.

[2] « … au sens où il travaille à transformer tous les sujets, à faire qu’ils devennienent des sujets » – Zum Verhältnis von Sprache und Subjekt bei Meschonnic vgl. Émile Benveniste, Über die Subjektivität in der Sprache, in: Probleme der allgemeinen Sprachwissenschaft, S. 287ff; München: Paul List Verlag, 1974.

[3] « … la transformation d’une forme de langage par une forme de vie et la transformation d’une forme de vie par une forme de langage, les deux inséparablement. » – Das ist die grundlegende Operation im poetischen und poetologischen Werk Henri Meschonnics; vgl. dazu das im Anhang des Buches abgedruckte Gespräch mit Anne Mounic: „Das Gedicht ist nicht da, um zu denken, sondern um – ausgehend von einem Leben und einer Sprache – die Sprache zu erfinden.”

[4] Gemeint sind die französischen Dichter Fernand Gregh (1873-1960), Victor Hugo (1802-1885) und Sully Proudhomme (1939-1907), der erste Literaturnobelpreisträger. Siehe dazu: Henri Meschonnic, Célébration de la poésie, Éditions Verdier, 2006.

[5] Vgl. Henri Meschonnic, Langage, histoire une même théorie, Éditions Verdier, 2012. Meschonnic arbeitete mehrere Jahrzehnte lang an einem Buch, von dem er bereits geahnt hatte, dass er es niemals fertig bringen würde. Erschienen ist es 2012, drei Jahre nach seinem Tod. Alle in diesem Buch versammelten Essays kreisen um das Verhältnis von Sprache und Geschichte, das nicht vorgefunden oder „exhumiert“ werden kann, sondern gegen alle vorgefertigten Ideen konstruiert und erprobt werden muss.

[6] « … du main forte comme on dit dans le Bible … » – mit starker Hand, wie es in der Bibel heißt. Dieses Bild taucht in den Gedichten Meschonnics mehrfach auf. Ein schönes Beispiel dafür findet sich im Gedichtband Nous le passage, Éditions Verdier, 1990. (Abb.)

[7] « Il y a eu une fois, une seule fois, Ingeborg Bachmann. Une aventure, et une parabole. Les deux, inséperablement, comme un poème et ce qu’il a fallu de vie, et de mort dans la vie, pour faire ce poème. » – zur Parabel des Lebens siehe auch: Henri Meschonnic, Von der Poesie zur Poetik. Mit Ingeborg Bachmann. (*)

[8] « … ce que j’appelle la critique, la recherche des fonctionnements, des historicités … » – Die Begriffe Kritik und Historizität sind in Meschonnics Werk von zentraler Bedeutung und können nicht voneinander getrennt werden: Kritik hat bei ihm zugleich utopische und widerständige Bedeutung; sie entdeckt und etabliert ihre Utopie, zugleich bringt sie sich gegen aktuelle Besetzungen [occupations] in Stellung. Historisch sind ihre Möglichkeiten und Grenzen nicht nur durch das Datum lokalisiert, sondern durch die konkreten Umstände, aus welchen sie hervorgehen; sie befinden sich im unentwegten Kampf gegen eine als normativ begriffene Vergangenheit. Siehe dazu: Henri Meschonnic, Critique du rythme. Anthropologie historique du langage, Éditions Verdier, 1982.

[9] « Silence, afin qu’où nul n’a jamais passé je passe, silence ! – Après toi, mon beau langage. » – André Breton, Introduction au discours sur la peu de realité, in: Point du jour, OC II, p.  276. Walter Benjamin erwähnte diese Stelle in seinem Essay Der Sürrealismus: „Still. Ich will, wo noch keiner hindurchgegangen ist, hindurchgehen, still! – Nach Ihnen, liebste Sprache.”

 

La main qui est forte

n’est pas celle qui tient le présent

c’est la main vide

qui montre à l’avenir

 

et celui qui parle

n’est pas celui qui est le maître des mots

c’est celui qui transforme le silence

avec ses mots

et qui transforme les mots

par son  silence

La main qui est forte … in: Nous le passage, Éditions Verdier, 1990

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